ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

Sophie als Oberin & das Schwesternleben

 

1802 änderte sich die Zusammensetzung der kleinen Gruppe. Schwester Barat und Schwester Deshayes legten im Juni ihre Gelübde ab, und Pater Varin, der die Neugründung vorläufig leitete, konnte Mademoiselle Loquet davon überzeugen, dass sie sich weder für das Amt der Oberin noch für ein Leben als Ordensfrau überhaupt eignete.

 Im Einvernehmen mit den anderen Schwestern kehrte sie nach Paris zurück und nahm ihre soziale Tätigkeit wieder auf. Sophie Barat, die Jüngste, wurde zur Oberin ernannt.
Trotz mancher Rückschläge gedieh die Gemeinschaft. Neue Kandidatinnen schlossen sich ihr an, und so viele Schülerinnen wollten aufgenommen werden, dass es nötig wurde, in ein neues Gebäude zu ziehen, das groß genug war, um nicht nur das Internat, sondern auch eine sogenannte Freischule zu beherbergen. Dort sollten arme Kinder nicht nur die Fertigkeiten erlernen, die sie später brauchten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch Gottes Liebe erfahren. Das war ein prophetischer Ansatz, denn zu jener Zeit war Erziehung hauptsächlich etwas für die wenigen Privilegierten.
Wenn man die Geschichte der Gesellschaft verfolgt, sieht man, dass sich bereits jetzt eine klare Richtung abzeichnet. Schon damals arbeiteten Sophie und Pater Varin an den Konstitutionen, die den Charakter und vor allem die Spiritualität des neuen Ordens bestimmen sollten. Sophie war nun nicht mehr nur Lehrerin, sondern als Oberin auch zuständig für die Verwaltung, die Ausrichtung des Apostolates und die geistliche Begleitung der Schwestern. Damit fiel ihr auch zu, die jungen Frauen auszubilden und zu formen, die aus ganz Frankreich kamen, um der neugegründeten Kongregation beizutreten.

Von Anfang an vermied es Mutter Barat, wie sie nun hieß, die Schülerinnen wie Novizinnen zu behandeln. Sie sollten zu Ehefrau-en und Müttern herangebildet werden, und die Teile des Hauses, die ihnen zur Verfügung standen, mussten in Gestaltung und Ausstattung ihrem späteren Lebensstandard und der Kultur, aus der sie kamen, entsprechen. Im Bereich der Schwestern sah es ganz anders aus, hier »sollte die Armut geliebt und geschätzt werden wie eine Mutter« (Konstitutionen von 1815). Damals gab es verschiedene erprobte Erziehungssysteme. Mutter Barat fühlte sich sehr vom Stil der Schule von St. Cyr angezogen, die unter der klugen Leitung von Madame de Maintenon stand und wo gute Umgangsformen und Selbstdisziplin nicht erzwungen werden mussten, sondern von den Schülerinnn bereitwillig angenommen wurden. Ebenso wichtig war Mutter Barat ein hohes Niveau des Unterrichts. In ihrem Studienplan versuchte sie, dem Lehrplan der Jesuiten so genau wie möglich zu folgen, anstatt die typischen Fächer anzubieten, in denen Mädchen seit eh und je unterrichtet wurden. Indem sie sich überall orientierte und verschiedenes übernahm, baute Mutter Barat allmählich ein in sich geschlossenes Erziehungssystem auf, das die Schülerinnen früh mit Philosophie, Logik und klarem Gedankenaufbau vertraut machte.