ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

Armut & Gerechtigkeit

 

1832 entvölkerte eine Choleraepidemie die europäischen Städte und machte viele Kinder zu Waisen. Mutter Barat sorgte dafür, dass achtzehn ihrer Klöster solche Kinder aufnahmen.

 

  »Was, zu gut für die Armen?!« protestierte sie einmal heftig, »ich würde meinen letzten Pfennig für sie hergeben!« Ihre Liebe galt nicht so sehr Kindern im allgemeinen, sondern vor allem jedem Kind ganz persönlich, denn es war einzigartig und kostbar in den Augen Gottes. »Wir lassen uns nicht genug von den Armen rühren«, pflegte sie zu sagen. »Könnten wir doch begreifen, wie notwendig es ist, dass der Reichtum durch die Nächstenliebe neu verteilt wird! Jesus selbst hat uns das beigebracht, und es ist eine unserer heiligsten Verpflichtungen. Nur das Herz Jesu und sein göttliches Mitgefühl werden jemals imstande sein, die Armen mit den Reichen zu versöhnen!« Gegen Ende ihres Lebens bekannte sie: »Ich bedaure oft, dass ich soviel Geld für die Reichen und sowenig für die Freunde Jesu ausgegeben habe. Sicher hätten wir die gleiche Summe für beide haben können, wenn wir besser gerechnet hätten. Geschehen ist geschehen - doch bleibt uns die Pflicht, das Übersehene in Zukunft wiedergutzumachen.«
Mutter Barat ging es nicht nur darum, Almosen auszuteilen. Dahinter stand immer auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Einer Oberin, die zugeben musste, dass sie Schulden gemacht hatte, sandte sie das nötige Geld und einen strengen Tadel: »Wenn ich feststellen muss, dass wir unsere Schulden nicht pünktlich bezahlen, so wiegt dieses Kreuz für mich schwerer als alle anderen, die der Herr uns schicken könnte. Mit einem solchen Unglück könnte ich selber mich niemals abfinden, erstens, weil wir – wie Sie wissen – niemals etwas anfangen sollten, für das unsere Mittel nicht ausreichen, und zweitens, weil ein solcher Zustand unserer Geschäfte gegen die Gerechtigkeit verstößt. « Einer anderen schrieb sie: »Lassen Sie mich wissen, wenn Sie nicht imstande sind, die Arbeiter zu bezahlen, die bei Ihnen beschäftigt sind. Die Zeiten sind schlecht, und sie werden noch schlechter werden, wenn wir diesen armen Menschen nicht das geben können, was sie im Schweiße ihres Angesichts verdient haben. Wenn wir unsere Schulden nicht sofort bezahlen, so verstößt das gegen die Gerechtigkeit!«
Es gab aber auch Ungerechtigkeit, die nicht so in die Augen fiel. Mutter Barat konnte es nicht begreifen, wenn wohlhabende Eltern ihre Kinder fast völlig Kindermädchen und Gouvernanten überließen. Sie ermahnte ihre Schwestern, solche Kinder zu respektieren und zu lieben, ja für sie wie eine Mutter zu sein, wenn sie ins Internat geschickt wurden. Einmal brachte ein verzweifelter Vater seine anderthalbjährige Tochter. Mutter Barat nahm sie ohne weiteres auf und vertraute sie einer der Schwestern an, bis er wieder imstande war, selbst für sie zu sorgen. Ihre Zeitgenossen bezeugen auch, dass Mutter Barat nicht nur zu Menschen, sondern zu allem Lebendigen gut war: zu Bäumen und Blumen, Katzen, Hunden; zu einer Kuh und sogar zu einer Fliege!

Es war wohl natürlich, dass eine Ordensgründerin ständig Probleme zu lösen hatte: Probleme mit dem Klerus und mit Prälaten, die der Ansicht waren, dass sie selber über alles zu bestimmen hatten; Probleme, die von den Spannungen zwischen Rom und der französischen Kirche verursacht wurden, und diejenigen Probleme, die mit dem Liberalismus zusammenhingen, der in ganz Europa ständig stärker wurde. Dass dieser Liberalismus bei vielen unversöhnliche und unvernünftige Feindschaft hervorrief, machte die Situation noch komplizierter.
Eine große Schwierigkeit waren auch die schlechten Verbindungen. Oft vergingen Wochen, bevor ein Brief seinen Bestimmungsort erreichte, falls er überhaupt ankam. Bei Reisen war man nach wie vor auf Pferd und Wagen angewiesen und konnte nur darauf hoffen, nicht auf Wegelagerer zu stoßen. Dennoch reiste Mutter Barat, sooft sie nur konnte, in guten und in schlechten Zeiten, und hielt die Verbindung mit ihren Schwestern auf der ganzen Welt durch ungezählte Briefe aufrecht. Sie legte Wert darauf, mit allen, die sie besonders nötig hatten, in Kontakt zu bleiben und die Klöster persönlich kennenzulernen. Wurde die Gottesliebe der Kinder - besonders ihre Liebe zur Eucharistie - immer echter und tiefer? Waren sie glücklich? Wurde das hohe Niveau das Unterrichs überall aufrechterhalten? Waren die Ordensfrauen eifrig? Beteten sie genug? Waren sie demütig?