ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

Geburt & Zeit

 

In der kleinen burgundischen Stadt Joigny brach in der Nacht des 12. Dezember 1779 ein Feuer aus. Darum brachte Madame Barat ihr Kind - ein kleines Mädchen - vorzeitig zur Welt.

,Es war so zart, dass man es gleich am nächsten Morgen zur Taufe in die Pfarrkirche St. Thibault brachte, um ihm damit - der Auffassung der Zeit entsprechend - den Zutritt zum Himmel zu sichern. Zufälligerweise war dort ein junges Mädchen, das Louise Sophie hieß. Da es sich um einen Notfall handelte, nahm man sie als Patin des Neugeborenen. Deshalb erhielt das Kind in der Taufe neben dem vorgesehenen Namen Madeleine auch noch den Namen Sophie. Ihr elfjähriger Bruder wurde als der Pate im Taufregister eingetragen. So hatte Madeleine Sophie, anstatt zu sterben, den ersten Schritt auf ihrem langen Weg zu Gott getan. Sie hatte ihn selber nicht erwählt, aber er hatte sie für eine besondere Aufgabe bestimmt, die ihm allein bekannt war.

Jacques Barat war Fassbinder von Beruf. Im weinreichen Burgund war das eine einigermaßen einträgliche Weise, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sophie wuchs - umgeben von Zuneigung und in der Geborgenheit ihres bescheidenen Zuhauses - empfindungs- und aufnahmefähig heran. Sie lernte schon früh, Krisen zu überwinden und sich von den Zeitereignissen fordern und formen zu lassen.

Die Zeiten waren nicht leicht. Sie waren von Voltaires und Jean Jacques Rousseaus beunruhigenden Fragen und Theorien geprägt. In den höchsten Gesellschafts-schichten gab es Intrigen und Skandale, fast überall sonst Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger. Es war eine Zeit der sozialen Un-ruhe, des Aufruhrs und der Gewalt. Die Irrlehre des Jansenis-mus hatte die Religion in ihrem Kern bedroht. Der französische König Ludwig XVI. konnte weder Adel noch Klerus dazu bewegen, seine bankrotte Staatskasse zu sanieren.
Unterdessen beobachtete Louis Barat, der sich auf dem Gymnasium von Joigny und später im Seminar als glänzender Schüler bewährt hatte, seine jüngere Schwester genau. Wegen ihrer schwachen Gesundheit besuchte sie nicht die Schule wie die anderen Kinder. Ihre Mutter brachte ihr zu Hause Lesen und Schreiben bei. Als sie sieben Jahre alt wurde, beschloß Louis, ihren scharfen Verstand zu schulen und sie so auf ihre zukünftige Aufgabe vorzubereiten, die – das spürte er bereits – außergewöhnlich sein würde. So ließ er seine kleine Schwester den gleichen klassischen Studienlehrgang durchlaufen wie seine Schüler am Gymnasium. Für ein Mädchen war das damals ein ungewöhnlicher Weg. Aber Sophie zeigte sich der Herausforderung gewachsen, denn die neuen Horizonte, die sich ihr eröffneten, begeisterten sie. Trotzdem beneidete sie die anderen Kinder manchmal, die nicht unter der Vormundschaft eines so anspruchsvollen Bruders standen und ihre Freiheit genießen konnten.