ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

Gemeinschaft & Herz

 

In Paris gab es damals eine kleine Gemeinschaft, die sich auf ähnliche Weise zusammengefunden hatte wie die ersten Christen während der Verfolgung Neros.

  Zu ihr gehörte eine Dame namens Mademoiselle Duval, bei der Louis und Sophie einzogen. Louis feierte täglich die Messe in einem zur Kapelle umgestalteten Zimmer. Sophie schloß sich einer Gruppe von Mädchen an, die sich ebenso wie sie selbst zum Ordensleben berufen fühlten - und das zu einer Zeit und in einem Land, wo alle Klöster geschlossen, verwüstet oder beschlagnahmt waren. Den Lebensunterhalt verdienten Louis und Sophie durch Privatunterricht, die jungen Frauen durch Handarbeiten. Außerdem gab Louis sein theologisches Wissen an die Hausgenossen weiter, und sie ihrerseits unterwiesen die Kinder aus der Nachbarschaft in einem Glauben, der schon fast vergessen schien.

Vielleicht war es eine Folge der entbehrungsreichen und schweren Zeit im Gefängnis, dass Louis als Sophies geistlicher Begleiter eine Strenge zeigte, die schon fast Härte zu nennen war. Er liebte sie und wollte nur das Beste für sie, aber dennoch geriet sie durch seine Führung in Dunkelheit und begann, an sich selbst und ihrer Zukunft zu zweifeln. Von Natur aus war sie eigentlich rasch und zupackend. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten und zu vertrauen, und diese Verhaltensweise sollte sich auch später bei vielen schwierigen Entscheidungen ihres Lebens be-währen.

Gleichzeitig spielten andere auf ihre Weise eine Rolle bei der Gründung der Ordensgesellschaft vom Hl. Herzen Jesu. Der Jesuitenorden war durch päpstliches Dekret in einem europäischen Land nach dem anderen aufgehoben worden, und zwar vor allem auf Betreiben der bourbonischen Könige. Nur Katharina die Große von Rußland widerstand dem politischen Druck. In ihrem Reich konnten die Jesuiten nicht nur überleben, sondern sogar französischen Patres Zuflucht bieten, die lieber ins Exil gingen, als ihrer Berufung untreu zu werden. Und diese Entwicklung ließ natürlich eine spätere Wiederherstellung des Ordens erhoffen. In dieser Hoffnung taten sich einige Priester in Frankreich unter der Leitung eines jungen Mannes namens Léonor de Tournély zusammen und bildeten eine nicht offizielle Ordensgemeinschaft, die die Regel der Gesellschaft Jesu annahm. Sie nannten sich Väter vom Herzen Jesu (später Väter vom Glauben), wählten die Beschreibung der ersten christlichen Gemeinschaft: »ein Herz und eine Seele« als Motto und fügten die Worte »im Herzen Jesu« hinzu.

Obwohl Atheismus und Skeptizismus für das vergangene Jahrhundert kennzeichnend gewesen waren, gewannen nun ziemlich viele Intellektuelle und noch mehr Menschen aus dem Volk ihren Glauben zurück und begannen erneut, ihn zu praktizieren. Da die alten Orden aufgehoben worden waren, war es eine dringende Notwendigkeit, wieder eine christliche Erziehung in irgendeiner Form anzubieten. Die Väter vom Herzen Jesu hatten damit angefangen, Jungen aus der Oberschicht zu erziehen. Ungefähr zur gleichen Zeit, als Sophie in Paris eintraf, kam Pater de Tournély zu der Auffassung, dass es nötig sei, eine Frauenkongregation zu gründen, die seiner eigenen entsprach. Sie sollte ebenfalls dem Herzen Jesu geweiht sein, den gleichen Namen und das gleiche Motto tragen: »Ein Herz und eine Seele im Herzen Jesu.« Ihr Ziel sollte es sein, die Liebe Jesu in den Herzen der Menschen zu erwecken und ihren Verstand durch seine Lehre zu erleuchten. Die Mitglieder würden sich bemühen, in die Gesinnungen und Grundhaltungen des Herzens Jesu einzudringen und sie anderen – eben auf dem Wege der Erziehung – mitzuteilen. Pater de Tournély starb, bevor er seinen Traum verwirklicht sehen konnte, vertraute seinen Plan aber Joseph Varin an, der ebenfalls zu den Vätern vom Herzen Jesu gehörte und Tournély als Oberer nachfolgen sollte.

Die Zeit des Friedens, die auf Robespierres Hinrichtung folgte, war nur von kurzer Dauer. Schon 1797 wurden wieder Priester verhaftet und hingerichtet. Die Klöster waren nach wie vor geschlossen, und Sophie, die von der Wieder-herstellung des Karmels träumte, blieb nichts anderes übrig, als weiter bei Mademoiselle Duval zu bleiben und zu warten. Gleichzeitig hielt sich Pater Varin am anderen Ende der Stadt auf und suchte nach einer jungen Frau, die sich für seine Pläne eignete.