ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

 

Glaube & Spiritualität

 

1789 wurde Sophie zur Erstkommunion zugelassen. Dieses Jahr brachte entscheidende Ereignisse: die Abschaffung des Feudalsystems in Frankreich, das Ende des Ancien Régime, die Erklärung der Menschenrechte und den Sturm auf die Bastille.

 Ein Jahr später wurden der Adel und die meisten Orden aufgehoben, und die Zivilkonstitution des Klerus machte der Autorität des Papstes in Frankreich ein Ende. Nun galt es für überzeugte Christen, sich für ihren Glauben einzusetzen und gegebenenfalls dafür zu sterben.

Louis, der noch nicht zum Priester geweiht war, sah sich zwischen zwei widerstreitenden Treuever-pflichtungen hin und her gerissen. Zunächst hatte er den Gehorsamseid gegenüber dem Staat abgelegt, widerrief ihn aber, als Papst Pius Vl. die Zivilkonstitution verurteilte. Seit dieser Zeit wurde er polizeilich gesucht. Zuletzt verließ er Joigny, um sich in Paris niederzulassen, das wegen seiner Anonymität größere Sicherheit bot. Von dort schickte er zwei Farbdrucke nach Hause, die aus einer noch ziemlich neuen Frömmigkeitsrichtung stammten. Einer stellte das Herz Jesu dar, der andere das Herz Mariä. Als die Familie schließlich von Louis’ Verhaftung erfuhr, versammelte sie sich jeden Morgen und Abend vor diesen beiden Bildern, um für seine Freilassung zu beten. Einen anderen Ort, der sich dafür geeignet hätte, gab es auch gar nicht mehr. Von Joignys beiden Kirchen war die eine in eine Markthalle, die andere in einen Tempel zu Ehren der Göttin der Vernunft umgewandelt worden.
Sophie litt ebenso wie ihre Mutter unter dem ungewissen Schicksal ihres Bruders. Aber gleichzeitig stieg eine brennende Sehnsucht in ihr hoch, die sogar stärker war als das Mitleid mit ihrer Familie. Sie wollte Jesus in irgendeiner Weise für die Verachtung und die Gleichgültigkeit, die ihm im Altarsakrament entgegengebracht wurden, Ersatz leisten. Als im Jahr 1794 die Schreckensherrschaft – die dunkelste Periode der Revolution – auf ihrem Höhepunkt stand, war sie noch nicht fünfzehn Jahre alt.

Unter den 35 000 Menschen, die in diesem einen Jahr ihr Leben verloren, waren Ludwig XVI., die Königin und eine Gruppe von Karmelitinnen, die singend das Schafott bestiegen. Jeden Tag verlängerte sich die Liste der zum Tode Verurteilten, und die Hinrichtungen verloren auch den letzten Schein von Gerechtigkeit. Am 27. Juli 1794 wurde Robespierre gestürzt und zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Die Nationalversammlung übernahm die Macht und versuchte, die Ordnung notdürftig wiederherzustellen. Gefangene wurden freigelassen, unter ihnen auch Louis Barat.

Nachdem er zum Priester geweiht worden war, kehrte er nach Hause zurück. Als die erste Wiedersehensfreude vorbei war, fiel ihm auf, dass die Entwicklung seiner jüngeren Schwester nicht völlig seinen Wünschen entsprach. Sophie hatte zwar ihre Studien nicht vernachlässigt, doch war sie für ihre Mutter zu einer Stütze geworden, die unentbehrlich schien. Wieder fühlte er sich verpflichtet, einzugreifen. Zunächst beschaffte er sich die widerstrebende Zustimmung des Vaters zu seinem Plan, Sophie nach Paris zu bringen. Dann mußte er noch Mutter und Tochter davon überzeugen, dass dies wirklich zu Sophies Besten geschah. Schließlich wurde die Trennung vollzogen. Sophie versprach, jedes Jahr zur Weinernte heimzukehren, und tauschte das ungezwungene Klima ihres Zuhauses gegen die bedrückende Atmosphäre einer Großstadt ein, die sich nur allmählich vom Terror erholte.