ORDEN INTERNATIONAL

SACRE COEUR GRAZ

In der Nachfolge Jesu & ihre Konstitutionen

 

Über Mutter Barats Spiritualität, die einfach und fordernd zugleich ist, ist viel geschrieben worden. Sie ist einfach, weil sie aus der Kontemplation - der Einheit und Gleichförmigkeit mit dem Herzen Jesu - erwächst.

 

 Sie ist fordernd, weil sie in einem Leben der großzügigen und liebevollen Hingabe an die anderen ihren Ausdruck finden soll. Wer in den Orden eintrat, musste davon überzeugt sein, dass Jesus allein der Grund, das Leben und die Hoffnung der Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu war. Es gab kein anderes Vorbild als Jesus selbst. Die Schwestern sollten Armut, Gehorsam und die Liebe zueinander, die echt und ungekünstelt sein sollte, im durchbohrten Herzen Jesu finden.

1804 schlug Pater Varin Mutter Barat vor, nach Grenoble zu fahren und da Philippine Duchesne aufzusuchen, die in einem leerstehenden Kloster von der Heimsuchung lebte und versuchte, gemeinsam mit einigen anderen jungen Frauen eine Art Ordensleben zu führen. Grenoble wurde bald die dritte Gründung der Gesellschaft. Mutter Barat verbrachte dort ein glückliches Jahr und machte die neuen Mitglieder mit dem Geist der Großzügigkeit und inneren Wärme vertraut, der allmählich für ihren Orden typisch wurde. Unglück-licherweise tat sich während dieser Zeit in Amiens einiges. Mutter Baudemont, die während Mutter Barats Abwesenheit das Haus leitete, versuchte unter dem Einfluß des Hausgeistlichen, Abbé de St. Estève, die Ausrichtung der Gesellschaft zu ändern und als Generaloberin die Kontrolle über sie zu gewinnen. Dabei nahmen sie wenig Rücksicht auf Pater Varin und noch weniger auf die junge Oberin, von der sie ihrer Schüchternheit und ihrer einfachen Herkunft wegen nicht viel hielten. Sie stellten gemeinsam eine neue Regel zusammen, und da sie über gute Beziehungen zu Mitgliedern der Regierung und der Hierarchie verfügten, gelang es ihnen, Mutter Barat dabei völlig zu umgehen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich geduldig und wach der Führung des Heiligen Geistes anzuvertrauen. Die folgenden Jahre waren für sie geprägt von Gebet und innerem Leiden.

Auch in politischer Hinsicht verdüsterte sich der Horizont. Napoleon, der sich 1804 selber zum Kaiser der Franzosen gekrönt hatte, begann zunehmend Druck auf die Kirche auszuüben. Viele Priester saßen im Gefängnis oder in Hausarrest, unter ihnen auch Joseph Varin. Von 1809 bis 1814 war Pius VII. Gefangener des Kaisers und an der Ausübung seines Amtes zeitweise völlig gehindert.

1806 wurde der erste Generalrat nach Amiens berufen und Mutter Barat zur Generaloberin gewählt, obwohl Abbé de St. Estève und Mutter Baudemont sich nach Kräften bemühten, einen solchen Rückschlag für ihre Pläne zu verhindern.

Unmittelbar nach der Wahl ging Mutter Barat nach Poitiers und baute dort das erste Noviziat der Gesellschaft auf. In dem folgenden Jahr, das sie dort zubrachte, erwies sie sich als charismatische geistliche Begleiterin. Da ihre Gegenwart im Mutterhaus in Amiens offensichtlich nicht erwünscht war, war sie auch nach ihrer Rückkehr aus Poitiers ständig auf Reisen und hielt sich in verschiedenen Häusern des Ordens auf. Derweil wurde immer deutlicher, dass die Gesellschaft eine eigene Lebensregel brauchte, um auch in Zukunft bestehen zu können. Da Pater Varin unter Haus-arrest stand, suchte Mutter Barat ihn 1813 in einem kleinen Schloß an der Schweizer Grenze auf. Einen ganzen Monat arbeitete und betete sie gemeinsam mit ihrem alten Freund und geistlichen Begleiter, bis der Entwurf für eine Regel, den sie schon vor längerer Zeit gemeinsam begonnen hatten, endlich fertiggestellt war.

Mutter Baudemont verhielt sich derweil so, als habe sie selbst das Amt der Generaloberin erhalten. Abbé de St. Estève und sie unternahmen sogar Schritte, um dem gerade nach Rom zurückgekehrten Papst ihren eigenen Konstitutionsentwurf zur Approbation zuzusenden (1814). Damit war scheinbar alles geordnet. Während die politische Lage und die Situation der Kirche sich nach dem Sturz Napoleons entspannten und die Jesuiten wieder zugelassen wurden, schien Mutter Barat völlig alleine zu stehen.
Die Gesellschaft, als deren Repräsentant sich Abbé de St. Estève in Rom ausgab, sollte nicht länger den Namen des Herzens Jesu tragen. Ihre Mitglieder wurden als Apostolinnen bezeichnet und sollten nicht mehr vom Geist des heiligen Ignatius geprägt sein, sondern der Regel des heiligen Basilius folgen. Das römische Kloster St. Denis wurde zum Mutterhaus bestimmt.
In dieser Lage empfahl der neue Provinzial der Jesuiten Mutter Barat, »zu beten, geduldig zu leiden und zu hoffen«. Angesichts der Nachrichten, die St. Estève aus Rom schickte und die großartig die Eröffnung des neuen Mutterhauses ankündigten, war das ein schwacher Trost. Mutter Barat schrieb nach Rom und bat um mehr Information über all diese übereilten Entscheidungen. Als Antwort erhielt sie einen Brief mit einem offiziellen Stempel, der von einem gewissen Stefanelli unterzeichnet war. Darin wurden sie und ihre Töchter mit der Exkommunikation bedroht, falls sie nicht bereit waren, die von St. Estève gegründete Gemeinschaft zu unterstützen. Abschriften dieses Briefes gingen an alle Häuser. Mutter Barat war zu jener Zeit in Compiègne, wo Abbé de Lamarche Hausgeistlicher war. Er war der Beichtvater jener Karmelitinnen gewesen, die während der Schreckensherrschaft auf der Guillotine gestorben waren, und war ihr nun eine wertvolle Stütze.

Gleichzeitig trennte sich eines der Häuser der Gesellschaft von den übrigen, um sich dem Ortsbischof zu unterstellen. Es lag auf ehemals französischem Gebiet, das nun zu den Niederlanden gehörte, und der Bischof fürchtete – zu Recht oder Unrecht – gallikanischen Einfluß bei einer Ordensgemeinschaft, die ihr Zentrum in Frankreich hatte. Die Mitglieder der Kommunität standen damit vor der schmerzlichen Wahl, ihr Kloster oder die Verbindung zur Gesellschaft und zu Mutter Barat aufzugeben. Sechs der französischen Ordensfrauen entschlossen sich dazu, heimzukehren. Die Generaloberin begrüßte sie schweren Herzens angesichts der Unsicherheit und Verwirrung, die überall herrschten. Viele der Schwestern, vor allem in Amiens, waren mehr und mehr davon überzeugt, dass Mutter Baudemont recht hatte.

Allgemein war man der Auffassung, Mutter Barat müsse sich sofort den römischen Forderungen unterwerfen. Die Novizenmeisterin war bereits nach Rom abgereist, und mehrere andere standen im Begriff, ihr zu folgen. Mutter Barat bewies angesichts solcher Hast mehr Weisheit: sie wartete und betete. Die Vorsehung brachte sie endlich in Kontakt mit dem Sekretär des Großalmoseniers von Frankreich. Dieser welterfahrene Herr hörte sich ihren Bericht über das bisher Geschehene an, untersuchte Stefanellis Briefe und entlarvte ihn als einen Betrüger.
Nun war es nicht mehr schwierig, mit den richtigen Autoritäten in Rom Kontakt aufzunehmen, die St. Estève ebenfalls als einen Lügner und Fälscher bezeichneten. Viel wichtiger für die Gesellschaft war jedoch, dass Einheit und Liebe unter ihren zerstrittenen Mitgliedern wiederhergestellt wurden. 1815 berief die Generaloberin erneut den Generalrat ein, der dieses Mal in einer Atmosphäre von Versöhnung und Vertrauen stattfand. Die Konstitutionen, die Pater Varin und Mutter Barat vorlegten und in denen das Herz Jesu im Mittelpunkt stand, wurden jetzt endlich angenommen. Mutter Barat wurde zur Generaloberin auf Lebenszeit ernannt. Auf dieser Versammlung wurde auch beschlossen, dass alle Ordensfrauen mit ewigen Gelübden einen Ring und ein Kreuz tragen sollten, auf dem das Motto der Gesellschaft »Cor unum et anima una in Corde Jesu« (Ein Herz und eine Seele im Herzen Jesu) eingraviert war.

Erst 1826 wurden die Konstitutionen endgültig von Papst Leo XII. approbiert. Bereits vorher – nämlich 1818 – hatte Philippine Duchesne die lang ersehnte Erlaubnis erhalten, nach Amerika zu reisen, genauer gesagt, nach Louisiana, das schon seit langem von Franzosen besiedelt worden war.